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Was ist ein Tagedieb?

Ach, ist das aufregend, wenn der Weihrauch an den kalten Kirchenfenstern kondensiert, bunt gefärbtes Sonnenlicht im steilen Winkel den bläulichen Dunst durchdringt und das Kirchenschiff in jene gelbliche Unwirklichkeit taucht, die ich gleichzeitig so liebe wie ich sie fürchte, besonders dann, wenn der Bischof höchstselbst mit langsamen, schweren Schritten, in erwartungsvoll hallender Stille, die hölzerne Treppe zur Kanzel erklimmt, sich mit beiden Armen, unentschlossen und scheinbar verzweifelt an dicken, roten Buchdeckeln festhält, die er oben, nach einer kurzen aber von allen gefühlten Pause, entschlossen und vernehmlich aufschlägt.

Über den klobigen Rand seiner dickglasigen Brille mustert er scheinbar angewidert das graue Schwarz der bekennenden Gläubigen am kühlen Grund der Kirche.

"SÜNDER!"

... tobt er plötzlich und unerwartet von der Höhe, die graue Masse duckt sich bis ins Mark erschreckt tiefer auf den Kirchenboden, fast zweitausend Menschen ziehen in banger Erwartung die Köpfe zwischen die Schultern, alles Gläubige, .... Katholiken.

Hier und da erfüllt verzweifeltes Schluchzen die heilige, mittelalterliche Halle, ein 90-jähriges Mütterlein läßt vor Schreck die Geldbörse mit allerelei Kleingeld klimpernd auf die blankpolierten Marmorfliesen fallen, die es für die Kollekte schon bereithielt, aus Sorge, nicht rechtzeitig genügend in den Beutel stopfen zu können.

"TAGEDIEBE!"

In angespannter Stille lauscht die Gemeinde dem Gewitter, das da von oben herab auf sie hereinbricht, wie eine Naturkatstrophe, ja, wie die Worte des Allmächtigen selbst.

"WAS IST EIN TAGEDIEB?"

Unheilschwanger schwebt die Frage über allen Köpfen, im tiefsten Innern einer jeden gläubigen Seele Antwort befehlend.


"EIN TAGEDIEB IST EIN MENSCH, DER DEM LIEBEN GOTT DIE ZEIT STIEHLT!"


Am Ende des Satzes steigt die Tonlage der Stimme des Bischofs in hysterische Höhen. Er zieht in dem jahrhundertealten, ehrwürdigen Gemäuer alle Register seiner von der Kirche verliehenen Überzeugungskraft. Eine nicht enden wollende polternde Wortlawine göttlicher Belehrungen und Ermahnungen ergießt sich über die am Boden kauernden, zitternden Sünder. Eine halbe Stunde lang durchleben Jung und Alt, Groß und Klein, Arm und Reich, Gesunde und Kranke in geschrieenen, geschmetterten und getobten Sinnbildern das wahrgewordene Weltgericht,

. . . an DIESEM Orte, in DIESEM Gottesdienste, durch DIESE Predigt, durch DIESEN Bischof und da war doch wohl niemand, der sich nicht zutiefst ertappt und angesprochen fühlte.

Dann unvermittelt ein sanftes


"GEHET HIN IN FRIEDEN!"


Mit ungläubiger Erleichterung erhebt sich die graue Menschenmasse,... vorbei, erleichtertes Aufatmen paart sich mit den ersten Tönen der leise einsetzenden Kirchenorgel

"HOSIANNA -OH DU IN DER HÖH!"


Frische Weihrauchschwaden wabbern durch das Kirchenschiff, ein Heer eifriger Messdiener in makellos weißen Gewändern schwingt dampfende, silbrige Kessel über die Köpfe der Gemeinde. Der glatzköpfige, dicke Küster mit seinem, an einem langen Stock befestigten Kollektebeutel, kommt mit trippelnden Schritten aus der Sakristei, ein untrügliches Zeichen für alle, dass es nun wirklich vorbei und wieder gut sein würde. Ja, der eine oder andere freute sich bereits schon auf seinen sonntäglichen Gang in die Stammkneipe um das trockene Erlebnis gebührend hinunter zu spülen.

Ich glaube, es könnte mir mal wieder ganz gut tun, wenn ich in Münster an einem Sonntag in die Lambertikirche käme, einfach nur so.



(c) Peter Kappenberg